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Energienutzung in Island - Leben mit Vulkanen

Reykjanesvirkjun - Reykjanes

Die Isländer gelten als Vorreiter in der Erzeugung und Nutzung von „grüner“ Energie, denn sie beziehen ihren Strom aus der Kraft des Wassers und machen sich zur Beheizung die hohe geothermale Aktivität ihrer Insel zunutze. Wie das umgesetzt wird und was man mit Erdwärme sonst noch herstellen kann, erfahrt ihr hier …

Góðan daginn liebe Nordland-Freunde, 

Erdbeben und Vulkanausbrüche sind unschöne Nebenwirkungen, wenn es um das Leben auf Island geht – oder der Preis, den man für einen so schönen Ort zahlen muss, je nach Betrachtungswinkel. Aber die Hitze aus der Tiefe bringt auch Vorteile, ebenso wie auch tosende Schmelzwassermassen nicht nur zerstörerisch sein können. 

Damals und heute: Nutzung der natürlichen Bedingungen

Jeder Islandreisende kennt sie, viele haben ihre entspannende Wirkung bereits am eigenen Leib gespürt: die natürlichen heißen Quellen und durch Menschenhand verbesserten oder künstlich angelegten Hot Pots. Ob das angenehm erwärmte Wasser nun an Ort und Stelle aus der Erde tritt und selbst kleine Tümpel formt oder ob die Isländer es in eigens angelegte Pools leiten – das „Einweichen“ darin bleibt ein Genuss. Natürlich haben nicht alle heißen Quellen eine passende Temperatur dazu. Viele sind zu heiß und können Verbrennungen verursachen. Aber auch bei den bekannten und badetauglichen Quellen ist Vorsicht geboten, denn so schön sich Wasser bei 39°C auch anfühlt, führt es doch bei zu langen Sitzungen zu Kreislaufproblemen. Doch das Baden in heißen Quellen ist nicht die einzige Tradition, die sich rund um die Erdwärme auf Island erhalten hat. Auch in der ursprünglichen Zubereitung des Roggenbrotes Rúgbrauð spielt die Hitze aus der Erde eine große Rolle. Dieses wurde in einem Topf oder speziell geformten Holzfässern in unmittelbarer Nähe zu einer heißen Quelle vergraben und erst nach 12 bis 24 Stunden wieder herausgeholt, fertig gedünstet und nach dem Abkühlen noch warm genießbar. Da der Teig neben dem charakteristischen Roggenmehl Hefe, Milch, Salz, aber auch Zucker enthält, hat das fertige Brot meist einen überraschend süßlichen Geschmack. Mit Butter und Hangikjöt oder eingelegtem Hering gegessen entfaltet sich so ein Kontrast zwischen Herzhaftem und Süßem, aber auch als Dessert kann es glänzen, wenn ältere Brotstücke mit Zitrone und Rosinen gekocht und die süße Brotsuppe mit Sahne serviert wird. Natürlich gibt es verschiedenen Varianten des Rúgbrauð, die mehr oder weniger süß sind und teilweise auch Weizenmehl enthalten – es ist also für jeden etwas dabei. Die originale Zubereitung durch Dünsten im Boden hat vielerorts dem Backen im Ofen Platz gemacht, aber einige Isländer erhalten die Technik am Leben und sind überzeugt, dass das Brot aus dem Boden - nach dem Einfluss der heißen Quellen auch Hverabrauð genannt - einen ganz besonderen Geschmack hat. 

Im größeren Stil wird die geothermale Energie heute aber vor allem zur Stromerzeugung genutzt, beispielsweise in den Kraftwerken Svartsengi und Reykjanesvirkjun auf der Halbinsel Reykjanes. Das Svartsengi-Werk bezieht aus 13 Bohrlöchern heißen Wasserdampf und Sole und produziert heißes Wasser und Wärme für ungefähr 21.000 Haushalte sowie Strom für die Umgebung. Die mineralstoffreiche Sole wird als Abfallprodukt des Werks zur bekannten Bláa Lónið, der Blauen Lagune, geleitet und dort als Badewasser mit heilender Wirkung bei Hautkrankheiten genutzt. Ähnlich arbeitet das Reykjanesvirkjun, das 2012 fertiggestellt wurde und wo erstmals Wasserdampf mit Temperaturen von 290 bis 320°C zur Stromerzeugung genutzt wird. Hier gibt es auch eine kleine interaktive Ausstellung, in der man Wissenswertes über die Erde und verschiedene Strategien zur Energiegewinnung lernen kann. Besucher können durch Fenster den Turbinen bei der Arbeit zusehen. Und schließlich macht es der Überschuss an Erdwärme und mit ihrer Hilfe erzeugten Stroms erst möglich, die vielen Gewächshäuser zum Gemüseanbau zu beheizen und beleuchten - ein sehr energieaufwändiges Unterfangen.

Während Erdwärme immer noch vor allem für die Versorgung mit warmem Wasser und zur Beheizung genutzt wird, produzieren Wasserkraftwerke rund 80 Prozent der isländischen Elektrizität. An größeren Flüssen befinden sich auf der ganzen Insel verteilt Stauseen und Ausleitungskraftwerke, die alle vom staatlichen Energiekonzern Landsvirkjun betrieben werden. Das Búrfell-Kraftwerk beispielsweise war im Jahr 1969 das erste Großkraftwerk, das fertiggestellt wurde – und bis 2008 auch das leistungsstärkste. Es ist als Ausleitungskraftwerk angelegt und bezieht Wasser aus dem Fluss Þjórsá, welches zuerst in einen künstlichen See und danach durch einen Tunnel über 115 Meter Fallhöhe zum Turbinenhaus geleitet und schließlich in den Fluss Fossá í Þjórsárdal abgegeben wird. Das Kárahnjúkarvirkjun übertrifft das Búrfell-Kraftwerk sowohl in den Ausmaßen als auch in der Leistung: Hier wird das Wasser zweier Flüsse, der Jökulsá á Brú und der Jökulsá í Fljótsdal, in drei Reservoiren gespeichert. Von dort aus fließt es durch 53 Kilometer Tunnel über einen Höhenunterschied von 600 Metern bis zu den Turbinen geleitet. Auch der Staudamm, der die Jökulsá á Brú staut, hat gigantische Ausmaße – er ist 198 Meter hoch, 700 Meter lang und hat ein Volumen von 8.500.000 m³, da es sich um einen Steinschuttdamm handelt. Sogar im isländischen Hochland gibt es Wasserkraftwerke, so zum Beispiel das Vatnsfellsvirkjun, das nahe der Sprengisandur-Route liegt und einen Kanal nutzt, welcher die beiden Stauseen Þórisvatn und Krókslón verbindet. Es wird vor allem im Winter benötigt, wenn in Island am meisten Strom verbraucht wird. 

Kontroverse Nutzung durch die Zeiten

Obwohl Island seine Elektrizität vollständig aus erneuerbaren Energien zieht, gibt es dennoch auch Schattenseiten. Vor allem die Nutzung von Wasserkraft durch Anstauung von Flüssen gilt zwar als „grüne“ Energie, birgt aber auch erhebliche Risiken für die Umwelt, da eine solche Änderung von Flussläufen und Landschaft das Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen kann. So wird beispielsweise noch untersucht, inwieweit die Flutung weitläufiger Rentierweidegebiete durch den Stausee des Kárahnjúkarvirkjun die Lebensweise und Wanderungen der Tiere beeinflusst und ob ein Zusammenhang mit häufigeren Rentiersichtungen in tieferen Lagen während des Sommers besteht. Weiterhin steht die Nutzung des erzeugten Stroms in der Kritik, da dieser zu einem großen Teil für energiefressende und umweltverschmutzende Aluminiumwerke verwendet wird. Besonderer Kritikpunkt hierbei war auch ein angeblich niedrigerer Strompreis für die Firma Alcoa im Vergleich zu isländischen Bürgern und Betrieben. Eine dementsprechende Meldung wurde von Landsvirkjun und dem Aluminiumkonzern selbst als Missverständnis bezeichnet, tatsächliche Daten wurden allerdings bis heute nicht veröffentlicht. 

Auch in der Vergangenheit löste die Nutzung von Wasserkraft Konflikte aus, so beispielsweise im historischen Streit um die Stauung des Gullfoss. Als in den 1920er Jahren eine englische Firma den Wasserfall zur Errichtung eines Kraftwerks gepachtet hatte, begann die in der Nähe lebende Sigríður Tómasdóttir, sich für den Schutz der Sehenswürdigkeit einzusetzen. Gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Sveinn Björnsson begann sie einen jahrelangen Rechtsstreit, der schließlich damit endete, dass der Pachtvertrag aufgrund einer verspäteten Pachtzahlung aufgelöst werden konnte. Sigríður hatte zuvor ob der Hoffnungslosigkeit des Unterfangens bereits damit gedroht, sich in die Fluten ihres geliebten Wasserfalls zu stürzen. So aber ging der Gullfoss wieder in den Staatsbesitz über und erfreut heute Besucher und Einheimische mit seinem goldenen Sprühnebel. Auch heute kommen regelmäßig neue Pläne für Staudämme in der sensiblen Natur Islands und vor allem des Hochlands auf, die auf Gegenwehr in der Bevölkerung stoßen.

Aktuell wird von Befürwortern und Gegnern heiß um das neu geplante Wasserkraftwerk Hvalárvirkjun mit fünf Staudämmen bei Árneshreppur in den Westfjorden debattiert. Es wird argumentiert, dass es der Region Arbeitsplätze liefern soll, aber über den Bau hinaus soll das Wasserkraftwerk automatisch laufen. Doch die Aussicht auf höhere Steuereinnahmen für die Region und eine stabilere Stromversorgung lässt die Kontroverse bei einigen Isländern verschwinden. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Landschaftsbild unter diesen schon bestehenden und zukünftigen Eingriffen verändert. 

Ihr habt schon einmal den beeindruckenden Kárahnjúkur-Staudamm besucht oder Rúgbrauð probiert? Dann hinterlasst uns doch einfach einen Kommentar. Wir freuen uns auf eure Erlebnisse und Ideen.

Verið blessuð liebe Nordland-Freunde, Euer contrastravel-Team

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