Wo die wilden Frauen wohnen Pano

Corona-Tagebuch: Gedankenaustausch mit … Anne Siegel

Fenster - Reykjavik
Mitternachtssonne im Fenster

Wir bringen euch weiterhin durch die Corona-Zeit! Während die einen im Homeoffice ihrer Arbeit nachgehen, begeben sich die anderen nun an neue Maßnahmen gewöhnend zur Arbeit oder müssen sich weiterhin zuhause um schulpflichtige Kinder kümmern. Wir haben neue Hobbies oder Beschäftigungsmöglichkeiten in den letzten Wochen gefunden. Und wir fragen uns, was ihr so für euch entdeckt und womit ihr euch beschäftigt habt. Heute fragen wir Anne Siegel ...

Anne, was machst du eigentlich in diesen Zeiten?

Mich erwischte das Virus auf meiner Buchpremierenreise für mein neues Sachbuch WO DIE WILDEN FRAUEN WOHNEN. 
Das war bizarr, denn ich hatte zeitweise das Gefühl, das Virus sei an einigen Leseorten knapp vor mir, manchmal auf der Reiseroute durch die Alpen knapp hinter mir, denn ich startete meine Lesereise in Liechtenstein, wo alles kurz vor dem Stillstand war, als meine Buchtour dort startete. Meine Premiere dort im Literaturhaus  war komplett ausverkauft und es herrschte noch eine Unbesorgtheit, die ich seitdem vermisse. 
Ich bin froh, dass wir diese festliche Buchpremiere noch machen konnten.
Es war an diesem Tag schon klar, dass die Lesung am Tag darauf in der Schweiz nicht stattfinden werde, denn die Schweiz reagierte gleich viel restriktiver auf das Virus. Das hatte allerdings zur Folge, dass auch ein paar Schweizer zur Buchpremiere ins nahe liegende Liechtenstein gekommen waren. 

Das war eine interessante Erfahrung, im Abstand von mehreren Tagen durch die Schweiz zu reisen und zu sehen, wie schnell dort zwei Wochen vor Deutschland alles zum Stillstand kam. 
Für mich ging es dann in Wien weiter. 
Auch dort feierten wir im renommierten Clup Alpha meine Österreich-Premiere, das ORF zeichnete den Abend auf. 
Von dort wäre es eigentlich nach Salzburg weitergegangen und da dort meine Lesung im Hotel Sacher stattfinden sollte und die Hotels gleich höhere Auflagen hatten, kam die Absage da recht früh.
Ich blieb noch ein paar Tage in Wien und erlebte, wie dort alles binnen weniger Stunden zum Erliegen kam. 
Am Donnerstag machten wir noch Witze, ich sprach mit meiner Veranstalterin in Süddeutschland, wo die Deutschlandpremiere des Buches sein sollte. Donnerstags war in Deutschland noch die Welt in Ordnung, während in Wien die Menschen ihre Büros verliessen und mit dem Laptop unterm Arm am Nachmittag in die Bars drangen. 
Wir gaben uns zwar nicht mehr die Hände, aber an diesem Nachmittag, als ich noch ein berufliches Treffen hatte, machten wir noch Witze. „Darf ich Sie zu einem Aperol Spritz einladen?“ hatte mein Gegenüber gefragt und ich lachte laut „Super“ und meinte, dass Wien, diese morbide Stadt doch eigentlich genau der richtige Ort sei, einer Seuche frech ins Gesicht zu lachen. Vor mir auf dem Tisch stand die kulinarisch fragwürdige Mischung aus Griesnockerlsuppe und dem Aperol.
Am Abend war klar, dass ich am Freitag Österreich verlassen müsse und auch meine Lesung in Offenburg wurde gerade abgesagt, weil im nahen Elsaß die Menschen schon in Quarantäne gingen und ein Teil der Karten, die für meine Lesung am Dienstag bestellt worden waren, war aus Frankreich bestellt worden. 

 

Am Freitagmorgen verliess ich Wien und das war nicht mehr das Wien, das ich am Vortag noch erlebt hatte. Die Straßen waren wie ausgestorben, selbst die UBahn war in der Rushhour kaum besetzt. Wer noch an den Schreibtisch und ins Office eilte, hielt bereits einen großen Abstand zu den anderen Menschen. Alles sehr schön Wienerisch distinguiert, versteht sich. 
Als ich im Zug nach Deutschland kam, war das eine andere Welt. Die Menschen hatten überhaupt nicht realisiert, was auch auf sie zu kommen würde und ich wurde verwundert betrachtet, als ich das Abteil verliess, das sich immer mehr mit Menschen füllte und es mir im ruhigeren, hinteren Zugteil bequem machte. 
Und dann kam die wirkliche Herausforderung - nach Köln zurückkehren bedeutete, dass ich mich 14 Tage in eine freiwillige Quarantäne begeben musste. Diese 14 Tage fielen mir schwer, denn nicht an die frische Luft zu gehen, das fiel mir enorm schwer. 
Freunde und Familie heiterten mich auf, füllten meinen Kühlschrank und lieferten mir alle Köstlichkeiten, die mein Herz begehrte. 
Und es gab erstaunlicherweise keine Sekunde Langeweile, da ich ein ganz gut funktionierendes Audio-Studio habe und seitdem meine Interviews für Radio und Fernsehen und diverse Live-, Insta- und sonstigen digitalen Talks aus meinem Atelier über den Dächern von Köln sende. 
Zwei sehr große Veranstaltungen im Sommer wurden bisher abgesagt und ich gebe zu - bei der einen hatten wir schon 5000 Karten verkauft. Da musste ich doch ein Schluchzen unterdrücken. 
Aber alle anderen Lesungen sind bis auf eine Veranstaltung eines sehr kleinen Buchladens nur verschoben und nicht abgesagt. Wir arbeiten mittlerweile mit doppelten Backup-Terminen und ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf meine allererste Lesung freue, denn gerade in diesem Jahr ist eine lange Buchtour geplant. 

Die unabhängigen Buchhändler haben mich besonders fasziniert, denn die Kreativität mit der sie den Shutdown meisterten und immer noch meistern, fasziniert mich. 
Viele der Buchhandlungen, die jetzt wieder öffnen, haben inzwischen einen neuen Beruf geschaffen: Den Bücherbooten, der mit dem Fahrrad kommt und die Bücher ausliefert. 
Ich spreche viel mit BuchändlerInnen, denn wir fabrizieren gemeinsam digitale Aktionen mit den Verlagen zusammen. Ein Buchhändler sagte mir letzte Woche „Sei froh, dass Du keine Krimis schreibst, Anne. Deine Bücher sind nicht austauschbar, das wird Dich retten“. 
Nicht dass ich bis dahin auch nur eine Sekunde Angst oder Untergangsfantasien gehabt hätte, obwohl der ökonomische Einbruch auf dem Buchmarkt wirklich immens ist, es hat mich doch etwas getröstet. Und mit dem siebten Buch bin ich zumindest schon so gut etabliert, dass ich mir keine Sorgen mache. 

Für meine Jahresplanung habe ich das gemacht, was ich als Freiberuflerin nicht anders kenne - ich habe auf die unerwarteten Änderungen so gut reagiert, wie ich nur konnte.
Diesen Muskel habe ich zum Glück schon als Berufsanfängerin trainieren müssen - da war ich als Autorin beim Kindersender Nickelodeon Deutschland beschäftigt und wir erfuhren einen Tag vorher, dass am Tag darauf der ganze Sender eingestellt wird!
Und so verzog ich mich ins Audiostudio und produziere in diesen Tagen Audiobooks, deren Fertigstellung eigentlich ein paar Monate später vorgesehen war. Mein neues Buch verkauft sich nach Öffnung der Buchläden wieder sehr gut, ich ertrinke regelrecht in Leserpost, nicht nur wegen „Wo die wilden Frauen wohnen“, sondern auch weil ich durch die Kritiken und die Briefe, die ich bekomme, erst jetzt selbst feststellen muss, dass  meine Bücher vom Wiederaufstehen handeln und vom kreativen Umgang mit Krisen. Das durchzieht sie tatsächlich alle. Das war mir bis jetzt nicht ganz klar. 
Insbesondere die 10 Frauen, die ich in meinem neuen Piper/ Malik Titel WO DIE WILDEN FRAUEN WOHNEN portraitiere, haben aus fetten Krisen ein selbstbestimmtes und sehr glückliches Leben gestaltet. Wir können also gerade jetzt viel von ihnen lernen. 

Meine Leserinnen und Leser haben also viele Fragen in einer Zeit, die ihnen auch Angst einzujagen vermag und all die Briefe beantworte ich natürlich, wie auch viele neue Anfragen für Lesungen für die zweite Jahreshälfte. Sämtliche Treffen und Konferenzen laufen inzwischen virtuell. Die Audioproduktionen in meinem Studio nehmen gerade Fahrt auf, denn es gibt gerade viele Anfragen an mich als Audio- Produzentin. Wer keine Auftrittsorte mehr hat, braucht eine andere Form von Präsenz.
Ich berate seit Jahren Podcast-Macherinnen und Macher technisch und produzierte viele Audiobooks und Podcasts für andere. 
In den ersten Wochen habe ich alle zwei Tage Livelesungen auf Instagram gemacht, jetzt gibt es die noch einmal pro Woche. Das ist insofern toll für uns Urheber*innen, weil die automatisch nach 24 Stunden gelöscht werden und wir an dieser Stelle nicht mit dem eigenen Urheberrecht kollidieren. Das war bisher eine interessante und sehr tolle Erfahrung, denn beispielsweise Instagram ist interaktiv und viele Leserinnen und Leser und jede Menge Interessenten aus einer Vielzahl von Ländern kamen hier zusammen und stellten mir Fragen, auf die Journalisten sonst gar nicht kommen, zum Beispiel „Wann liest Du wieder in Island?“
Letzte Woche habe ich angefangen mit Protagonistinnen aus meinem neuen Buch für meinen längst geplanten eigenen Podcast STOPOVER REYKJAVÍK Gespräche zu führen.  Die Leser*innen lernen die Frauen aus meinem aktuellen Piper/ Malik-Sachbuch darin noch einmal näher kennen. 
Das macht sehr viel Spaß!
Und ich glaube, die Zeit nach Corona ist schneller da, als wir glauben, denn seit ein paar Tagen kommen wieder neue Anfragen für meine Literatur-Standups. Viele Veranstalter*innen weichen im Sommer auf Open-Air-Möglichkeiten aus. Wenn ich demnächst mit 2 Metern Abstand meine Bücher signiere und dennoch endlich wieder vor Euch auf den Bühnen stehen kann, dann nehme ich diese kleine Änderung gerne für eine Weile in Kauf, solange wir uns endlich wiedersehen können. 

Bestellt euch Annes neues Buch „Wo die wilden Frauen wohnen“ und folgt ihr auf Instagram oder Facebook, wo sie viele interessante Live-Gespräche hat. Schaut auch auf Ihrer Webseite vorbei., wo sie ihre Live-Lesungen veröffentlicht, sobald diese wieder möglich sind. Einige der Frauen und Anne könnt ihr außerdem auf der „Literaturreise mit Anne Siegel – Wo die wilden Frauen wohnen“ kennenlernen. 

Bleibt gesund, wir sehen uns hoffentlich bald! Við sjámst,
euer contrastravel-Team

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